Im Zuge unseres Beschlusses beschäftige ich mich plötzlich über den guten alten Seymoure hinaus mit Büchern wie „Die kleine Aussteigerfibel“ (André Meier, Seitenstraßenverlag).
Der sehr ironische, man kann auch getrost sagen: zum Abkotzen humoristische Stil sollte einen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Autor einige ganz gute praktische Hinweise für ein Landleben jenseits des Sylter Reethäuschens liefert.
Anscheinend ist es aber in einer vom Götzen Arbeit geprägten Konsumgesellschaft zu gefährlich, einen Ausstieg wirklich ernst zu meinen. Also machen wir mal eine Glosse daraus, die sich der Städter dann Chianti saufend zu Gemüte führt, seufzt und weitermacht wie bisher.
Wenigestens lebt der Autor selbst im mecklenburgischen Nichts, das Teil ist aktuell (2008), und viele der angesprochenen Punkte decken sich mit unseren eigenen Erfahrungen vom letzten Jahr.

Streichen wir also das bemüht lustige Drumherum und konzentrieren uns aufs Wesentliche:
1.Kauf ein Gebäude im Osten. (Er veranschlagt etwas mehr als fünf Mille, realistisch sind eher zehn bis fünfzehn – wobei wir während unserer Zeit in Mecklenburg von Leuten im Nachbardorf hörten, die ihr Haus tatsächlich für fünf erwarben).
2.Dichtes Dach, trockene Wände.
3.Zelte erst einmal einige Tage in der Nähe des in Frage kommenden Objekts.
4.Zuträglich: sich mit den unwirschen Nachbarn gutstellen, die sich aus alten Asbestplatten ein neues Schuppendach flexen, ohne Mundschutz, versteht sich. Trotzdem auf ein großes Grundstück achten.
5.“Egal wie Sie es auch drehen, ein Haus auf Pump zu erwerben ist Mist.“ (S.113) (Dem stimme ich zu, einfacher wirds dadurch nicht.)
6.Kachelöfen. Funktionierende Kachelöfen.
7.Ein funktionierendes Klo (die von ihm vorgeschlagene Schilfkläranlage ist zwar eine feinere Sache als die in Mecklenburg und Brandenburg üblichen Ablaufgruben, kostet aber nicht gerade wenig)
8.Internet.
9.Hühner und Hund müssen. Alles andere kann.

Es sind noch einige Ratschläge im Buch verstreut wie: Nur mit gutem Gesundheitszustand aufs Land ziehen, sich auf den Verlust des mindestens halben Freundeskreises vorbereiten, einen Broterwerb finden…jedoch stehen diese Punkte zum einen längst auf der Liste, zum anderen betreffen sie nicht die konkrete Praxis und werden daher von mir in meinem kleinen Vorstellungsbeitrag hier vernachlässigt.

Ich muss dazu schreiben, dass selbstredend alles sehr von den persönlichen Ansprüchen abhängt. Wer jemals arbeitsreiche Winterwochen ohne Dusche und ohne jede Form von Heizung verbracht hat, freut sich über einen guten Kachelofen. Immer wieder gelange ich zu der Ansicht, dass ein Dach über dem Kopf, Wärme und gute Nahrung mehr ist, als viele andere haben. Und immer wieder stehe ich, stehen wir recht allein mit dieser Ansicht.
Dazu ein Beispiel.
Vor einiger Zeit entdeckten wir im Dorf ein sehr kleines, altes Bauernhaus, mit Öfen beheizt, uralte Fenster etc. Der Bewohner des daneben liegenden Wohlstandsklotzes aus den Siebzigern hatte es erworben. Auf Rebells Anfrage, ob er das Objekt denn vermieten würde, reagierte er völlig perplex. Das sei doch renovierungsbedürftig, da könne man doch nicht…außerdem, er habe das Haus ja zu einem bestimmten Zweck gekauft. Um seine Dinge darin zu lagern.
Seitdem heißt es für uns das „Dingehaus“.

In einer Gesellschaft, die zwei Häuser braucht, um ihren Konsumschrott unterzubringen, ist es geradezu infam, gemeingefährlich, plemplem, ohne Zentralheizung und Satellitenschüssel leben zu wollen. Man kann ein haus mit ein paar Hunderttausend renovieren, natürlich. Alles andere aber ist verlottert und unrealistisch.
Und das, während ich mich meines schlechten Gewissens vor mir selbst erwehre, weil ich auf Strom und Internet zwecks Vernetzung und Geschriebenem nicht verzichten will.

Post scriptum: Natürlich haben wir keine zehntausend Euro in der Tasche. Aber der Plan von hier nach dort nimmt Formen an. Wird konkreter.
Bei Gelegenheit mehr.